Auf meiner Suche nach überlebenden Holocaust-Opfern, ähnliche Schicksale wie Anne Frank, bin ich im YouTube auf die Lebensgeschichte von Erna de Vries gestossen.
Sie erzählt ihre Geschichte „Ich wollte noch einmal die Sonne sehen“ ergreifend und schockierend detailiert.
Falls ihr diese Geschichte selber hören wollt:
Hier habe ich euch Erna de Vries‘ Lebensgeschichte zusammengefasst:
„Ich wollte noch einmal die Sonne sehen"
Erna Korn (nachher erst de Vries) kam am 21. Oktober 1923 in Kaiserslautern zur Welt. Ihr Vater, Jakob Korn war Evangelist und ihre Mutter, Jeannette Löwenstein, eine Jüdin. Somit entschieden sich die Eltern, ihre Tocher Erna jüdisch zu erziehen.
Jakob Korn starb, als Erna 9 Jahre alt war und ihre Mutter führte den Speditionsbetrieb weiter. Erna erinnert sich an eine glückliche frühe Kindheit, in der es ihr an Nichts fehlte.
Ab 1933 machte es das nationalsozialistische Regime den jüdischen Menschen schwer, eine Firma zu führen und so übergab Jeannette Korn 1935 das Geschäft an den Geschäftspartner. Von nun an lebten Erna und ihre Mutter nur noch von dem Ersparten.
1935 kam Erna in die Schule, in eine von Frankziskanerinnen geleitete Ordensschule. Leider wurden ihre Mitschüler immer rassenfeindlicher und schimpften sie als Jüdin aus. So kam Erna 1937 in eine Sonderklasse für jüdische Kinder. Dort wurden 28 Schüler aller Klassenstufen von einem einzigen Lehrer unterrichtet.
Während dieser Zeit vereinsamten sie und ihre Mutter immer mehr, denn sie durften keinen Kontakt mehr zu Nicht-Juden haben und wurden somit sozial ausgegrenzt. 1938 schloss Erna mit der Schule ab und bewarb sich in Kaiserslautern in einer Wäscherein. Das Leben für Juden wurde immer schwieriger und komplizierter.
Juden mussten den Judenstern tragen, durften nicht mehr in normalen Geschäften einkaufen und keine öffentlichen Schulen mehr besuchen und keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen.
Ihre Wohnung in Kaiserslautern wurde von der Gestapo durchsucht und vollkommen zersört. Erna und ihre Mutter flüchteten nach Köln zu ihrer Tante.
Erna wollte immer schon Medizin studieren, weil sie kein Abitur hatte, bewarb sie sich in Köln in einem Krankenhaus als Krankenschwester.
Ihre Mutter aber ging schon nach kurzer Zeit wieder zurück nach Kaiserslautern und richtete die völlig zerstörte Wohnung wieder her.
1942 erfuhr Erna, dass ihre Mutter aus Kaiserslautern deportiert werden soll und reiste schnell zu ihr. Flehentlich bat Erna die Gestapo-Soldaten, sie mit ihrer Mutter gemeinsam mitzunehmen und so kamen beide gemeinsam ins Gefängnis von Saarbrücken. Zwei Tage später sollte ihre Mutter nach Auschwitz deportiert werden und wieder wollte sich Erna nicht von ihrer Mutter trennen und kam so von Gefängnis zu Gefängnis zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, zusammen mit ihrer Mutter Jeannette. Dort wurden alle Neuankömmlinge inspiziert, registriert, rasiert und tätowiert (mit Nummern auf dem Arm).
Sie litten immer schrecklichen Hunger und froren, mussten stundenlange Arbeit in Wasserteichen verrichten und wurden krank. Erna und ihre Mutter kamen zum Block 25, der Todesblock. Am Tag der Vergasung wurden alle Gefangenen auf den Hof getrieben und die aufgerufenen Nummern wurden mit Lastwagen weggebracht (in die Gaskammer).
Erna wusste nur eins in ihrer Verzweiflung und Ohnmacht: Sie wollte nur noch einmal die Sonne sehen! Sie ließ sich zu Boden fallen und panisch schreiende Menschen trampelten über sie. Sie betete, lieber Gott, ich möchte leben, aber wie du willst.....
Da wurde plötzlich ihre Nummer aufgerufen und sie wusste, dass sie irgendwie dahin musste, sich melden musste. Der Wachsoldat sagte zu ihr, dass sie mehr Glück als Verstand habe und schubste sie zum Tor hinaus zum Block 26. Alle dort Gelandeten sollten nach Ravensbrück transportiert werden. Erna riss aus um ihre Mutter ein letztes Mal zu sehen und kam ein paar Tage später ins KZ Ravensbrück.
In Ravensbrück mussten die gefangenen Frauen für die Rüstung arbeiten, zum Beispiel für die Firma Siemens. Aber wenigstens ging es ihnen etwas besser als in Auschwitz, sie hatten richtig bezogene Armeebetten, ein Stück Brot pro Tag und Kleider.
Im März 1945 wurden die Gefangenen von Ravensbrück in Marsch gesetzt, mit SS-Begleitung begann ein tagelanger Marsch. Am Straßenrand lagen erschoßene Menschen, die nicht mehr weiter konnten. Erna konnte nicht mehr, war am Ende, doch von ihren Kameradinnen wurde sie ermuntert, weiter zu gehen.
Plötzlich geriet alles in Bewegung, amerikanische Panzerwagen kamen ihnen entgegen und großer Jubel bracht aus! DIE BEFREIUNG!
Das ist eine schreckliche, unglaubliche Geschichte! Mir fehlen einfach die Worte!
Was Erna de Vries durchmachen musste, ist für mich einfach unverständlich und was sie geschafft hat, fast unmenschlich.
Wenn ich das Leben Erna de Vries‘ mit dem der Anne Frank vergleiche, komme ich zu folgenden Unterschieden:
- Erna de Vries war 6 Jahre älter als Anne Frank, das heißt, sie hat schon sehr viel mehr von den Gefahren des Nationalsozialismus verstanden als Anne Frank damals.
- Erna de Vries war eine Kämpferin, genau wie Anne Frank, sie war mutig und ging direkt zur Gestapo und bat, mit ihrer Mutter mitfahren zu können. Damals war sie schon 19 Jahre alt.
- Erna de Vries überlebte das KZ Auschwitz und KZ Ravensbrück. Anne Frank starb einige Wochen vor der Befreiung 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus.
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