„Ich ging hochaufgerichtet durch den Hass, da wurde ich Jüdin“
Angelica Bäumer wurde 1932 in Frankfurt am Main als erstes Kinder von Valerie und Eduard Bäumer geboren. Drei Jahre später kam ihr Bruder Michael zur Welt. Angelicas Mutter, eine Wiener Jüdin, besaß zusammen mit ihrem Bruder eine Lebensmittelfabrik. Die Familie Bäumer war wohlhabend und lebte in einem großen Haus mit viel Personal.
1938 kam Angelica in die Klosterschule Nonnberg in Salzburg. Die Schule wurde aber von den Nazis beschossen und geschlossen, so musste Angelica auf eine normale, öffentliche Schule.
Angelicas Onkel wurde 1938 von der Gestapo verhaftet und das ganze Familienvermögen wurde beschlagnahmt. So musste die Familie Bäumer in ein winziges Zimmer im Haus der Familie Grasmayr ziehen, die Verständnis für ihre Probleme hatten. 1940 kam ihre kleine Schwester Bettina zur Welt.
Es war nicht leicht, plötzlich arm zu sein und kein Geld und Haus mehr zu haben.
1942 kam Angelica ins Gymnasium, bis 1944 lief alles relativ ruhig. 1944 flogen eines Tages mitten im Unterricht die Türen auf und zwei Gestapomänner schrien: „Der Bastard Bäumer soll mitkommen!“. Angelica wusste sofort, was los war. Sie packte ihre Sachen zusammen und ging mit den Gestapoleuten mit. Während sie durch die Schulgänge geführt wurde, schrien Schüler ihr die schlimmsten Schimpfworte nach, Bastard, Saujude und vieles mehr. Angelica ging hochaufgerichtet durch den Hass ihrer Mitschüler und wurde so von einer Minute zur anderen zur Jüdin. Auf der Straße wurde sie dann losgelassen und sie konnte nach Hause laufen.
Ihre Eltern bekamen Zwangsarbeit, ihre Salzburger Freunde spalteten sich in zwei Gruppen, die, die mit Juden nicht sprechen und jene, welche halfen und sie zu unterstützen.
Auf ihre Pässe wurde ein grosses J gestempelt und sie erhielten weniger Lebensmittelmarken, durften nicht in den Luftschutzbunker, keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und der Judenstern musste sichtbar auf die Kleidung aufgenäht sein.
Eines nachts kam ein Nachbar und drängte sie, sofort zu fliehen. Mit dem Flüchtlingszug erreichten sie nach vielen Stunden St. Johann im Pongau, wo sie zu Fuss nach Großarl weitergingen. Nach 16 Kilometer Fußmarsch fanden sie Unterschlupf bei einem Pfarrer in Großarl. Sie galten als „Ausgebombte aus Wien“, denn hätten sie gesagt, dass sie Juden seien, wären sie in dem Nazinest bestimmt verraten worden.
Sie hatten kein Geld und machten sich überall nützlich, wo sie nur konnten, um ihren Unterhalt abzuarbeiten. Angelica halft in einer Meierei in der Pfarre, wo sie Kühe molk, Tiere fütterte und den Stall mistete. Dann half sie auch noch auf dem Friedhof bei der Gräberpflege.
Dann endlich, am 8. Mai 1945 war der Krieg zu Ende. Die Familie Bäumer kehrte nach Salzburg zurück, ihre Wohnung stand noch.
Jetzt erfuhr Angelica von ihrer Großmutter, die in Thereseinstadt umgekommen war, von ihrem Onkel, der in Dachau starb und von einem Freund ihrer Eltern, der in Mauthausen verstarb.
Ich habe mir die Geschichte der Angelica Bäumer ausgesucht, um aufzuzeigen, dass es in dieser Zeit auch Geschichten von Opfern gab, die nicht im KZ waren, die nicht umgebracht und gefoltert worden sind, die sich erfolgreich verstecken konnten.
Wie Angelica Bäumer jedoch selber sagte, es gibt viel schlimmere Schicksale als ihres, und doch gehört es zu ihr und lässt sie bis heute nicht los.
Ihre Geschichte ist für mich einigermassen nachvollziehbar und trotzdem zeigt es auf, wie grausam die Verachtung und der Hass der Masse gegenüber den Juden gewesen sein muss.
so zeichnete Angelica Bäumer als Kind ihre Schule in Salzburg

im Vergleich mit Anne Frank:
Angelica Bräuner lebt noch heute
Anglica Bräuner konnte in einer Pfarre in Großarl untertauchen
Angelica hat keine engsten Familienangehörige verloren
Angelica Bräuner gibt ihre Geschichte weiter, besucht Schulen und schreibt Artikel über die Zeitzeugen des Holocaust.
